Hundertwässriges

Was war ich nur hässlich - gegenüber seiner nun sichtbaren Schönheit! Was habe ich gelästert über manchen seiner Zustände. Was habe ich mich öffentlich mokiert und den Kopf geschüttelt über ihn. Ich spreche von unserem jetzt hochschwangeren Bahnhof, dessen Wiedergeburt als neues Wesen durch Meister Hundertwasser als Hebamme unmittelbar bevorsteht.

Uhlenköper kam mir zuvor - und tat auch öffentlich Abbitte für seine frühere Skepsis gegenüber den früheren Schwangerschaftsphasen unseres Bahnhofs. Ich habe mehr zu tun als nur Abbitte. Ich muss bereuen öffentlich. Und das Gegenteil beschwören: Er wird, er wird wirklich, er wird ein bezaubernder Bahnhof, unser Bahnhof!

Diese rost-braun-rötlich-erdige Farbe des Steins in den Unterführungen mit den welligrundenden Ecken in den Ecken, die nun keine mehr sind! Sind sie nicht an die gemütlichste Zeit unseres Lebens erinnernd? Die im Uterus, im warm-weich-welligen Mutterleibe ohne Ecken und Kanten und der Ahnung sanften Lichtes da draußen? Da draußen dann, geboren auf die Bahnsteige wird es bunt wie im schönsten Spielzeugparadies. Zum Be-Greifen die Wände, die Rundungen, die Türmchen und Geländerchen - wie Weiland in der Kindheit möcht ich spielen mit diesem Bahnhof!

Die nächste Reisende neben mir in den Arm nehmen und Walzerschritte aufleben lassen auf dem Parkett der hundertwässrigen Gedanken und Ideen! Selbst Verbotsschilder, von dem sanften Stein in eine säulenähnliche Rundung eingelassen, wirken niedlich-freundlich einladend. Das „Missbrauch verboten!" auf dem Schalter „Nothalt“ wirkt verführerisch dahergeflüstert und verheißt sanfteste Strafe im Falle des Missbrauchs, der hier zum reinen Spiel würde.

Gewiss - er sollte zum Expo-Start fertig werden und wurde nicht. Aber was ist schon eine vergehende Expo gegen die ewige Schönheit unseres nun nie mehr renovierungsbedürftigen Bahnhofs. Ich taufe ihn für mich auf den Namen ,,Esmeralda" - unseren Bahnhof.

Das ist in dem Bilderbuch jene Schildkröte, die sich aufmacht zur Hochzeit des Königs der Tiere, dem Löwen. Auf ihrer Reise zur großen Feier rennen alle anderen Tiere an ihr vorbei. Sie hasten, hetzen, rennen zum Fest, um die besten Futterplätze zu kriegen und um gesehen zu werden, was die Augen aushalten.

Esmeralda kommt trotz ihrer Gemächlichkeit auf der Hochzeit an'- auf der Hochzeit des Sohnes von jenem König, auf dessen Hochzeit sie schon mittanzen wollte. Aber Hochzeit ist Hochzeit. So wird es uns mit unserem Bahnhof gehen. Wie Esmeralda. Auch wenn noch weitere Handwerker ohne Fertigstellung ihrer Arbeit zuhause bleiben und nochmals die Einweihung verschoben wird. Er wird fertig und einer, wenn nicht der schönste Bahnhof auf unserer Erde!

Auch wenn seine endgültige Geburt erst von unseren Enkeln erlebt werden wird. Dass ich dann längst nicht mehr bin. wenn der Bahnhof ganz da ist - das ist eben meine Buße, die ich tun muss. Weil ich an ihm so zweifelte, an unserem weiblichen Bahnhof. Weiblich, weil immer Neues aus ihm kommt und nie was fertig ist. Es lebe Esmeralda, unser Bahnhof!

17. Oktober 2000